Basale Stimulation in der Heilerziehungspflege: Wahrnehmen, spüren, in Kontakt kommen

Warum Berührung, Wahrnehmung und Beziehung in der Heilerziehungspflege so wichtig sind
Wie fühlt sich rau an? Was passiert, wenn etwas leise klingt, weich ist oder leicht vibriert? Und warum können kleine Sinnesreize für manche Menschen ein wichtiger Weg sein, um sich selbst und ihre Umgebung besser wahrzunehmen?
In der Heilerziehungspflege spielt genau das eine große Rolle. Denn nicht alle Menschen können sich über Sprache mitteilen. Manche zeigen durch Blicke, Bewegungen, Atmung, Anspannung oder Entspannung, was sie wahrnehmen, brauchen oder ablehnen.
Das Konzept der Basalen Stimulation setzt genau hier an: Es hilft dabei, über einfache Sinneserfahrungen Kontakt aufzubauen, Orientierung zu geben und Menschen in ihrer Wahrnehmung zu unterstützen.
Am Campus Berufsbildung lernen unsere Studierenden nicht nur theoretisch, was Basale Stimulation bedeutet. In der Näh-AG können sie eigene Materialien herstellen, die Sinneserfahrungen ganz praktisch erlebbar machen.
Was bedeutet Basale Stimulation?
Basale Stimulation ist ein pädagogisches und pflegerisches Konzept, das Menschen über grundlegende Sinneserfahrungen anspricht. „Basal“ bedeutet: grundlegend, einfach, unmittelbar. „Stimulation“ bedeutet: Anregung. Gemeint ist also: Menschen werden durch gezielte und achtsame Reize dabei unterstützt, den eigenen Körper, ihre Umgebung und andere Menschen bewusster wahrzunehmen. Das kann zum Beispiel über Berührung, Bewegung, Klänge, Gerüche, Licht, Materialien oder Temperatur passieren.
Das Konzept der Basalen Stimulation wurde ab 1975 von dem deutschen Sonderpädagogen und heilpädagogischen Psychologen Andreas D. Fröhlich im Kontext der Arbeit mit schwerstbehinderten Kindern entwickelt. In den 1980er-Jahren wurde es durch Christel Bienstein in Zusammenarbeit mit Andreas D. Fröhlich in die professionelle Kranken- und Altenpflege übertragen.
Wichtig ist dabei: Basale Stimulation ist kein Beschäftigungsprogramm und keine Methode nach Schema F. Sie ist eine Sinneserfahrung und eine Haltung. Im Mittelpunkt stehen Achtsamkeit, Respekt und die Frage: Was braucht dieser Mensch gerade, um sich sicher, wahrgenommen und angesprochen zu fühlen?
In der Heilerziehungspflege kann Basale Stimulation helfen, Beziehung aufzubauen, Kommunikation ohne Worte zu ermöglichen und Menschen mit Unterstützungsbedarf im Alltag zu begleiten.
Für wen ist Basale Stimulation besonders geeignet?
Basale Stimulation eignet sich besonders für Menschen, deren Wahrnehmung, Bewegung oder Kommunikation eingeschränkt ist. In der Heilerziehungspflege kann das zum Beispiel Menschen mit komplexen Behinderungen, schweren Mehrfachbeeinträchtigungen oder hohem Unterstützungsbedarf betreffen.
Auch Menschen, die wenig oder gar nicht sprechen, können von körpernahen und sinnlichen Angeboten profitieren. Denn Kommunikation findet nicht nur über Sprache statt. Ein Blick, eine Bewegung, eine veränderte Atmung oder eine entspannte Körperhaltung können wichtige Signale sein. Basale Stimulation kann außerdem in der Begleitung von Menschen mit Demenz, nach schweren Erkrankungen, nach Unfällen oder in besonderen Lebenssituationen eingesetzt werden.
Bei basaler Stimulation geht es immer darum Wahrnehmung zu ermöglichen und den Menschen in seiner Individualität ernst zu nehmen.
Welche Ziele hat Basale Stimulation?
Das Ziel der Basalen Stimulation ist nicht, einen Menschen zu trainieren. Vielmehr geht es darum, Entwicklung, Wohlbefinden und Teilhabe zu unterstützen.
Basale Stimulation kann helfen, den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen, Orientierung im Alltag zu fördern, Sicherheit und Vertrauen aufzubauen, Kommunikation ohne Worte zu ermöglichen, Beziehung zwischen Fachkraft und unterstützter Person zu stärken, Selbstwirksamkeit zu erleben, Entspannung und Wohlbefinden zu fördern und vorhandene Fähigkeiten zu erhalten oder anzuregen.
Dafür braucht es vor allem eine aufmerksame Haltung. Fachkräfte beobachten genau: Was tut der Person gut? Was ist vielleicht zu viel? Worauf reagiert sie? Welche Reize wirken beruhigend, welche aktivierend? Neben dieser professionellen Aufmerksamkeit können einfache Materialien eingesetzt werden. Dazu gehören zum Beispiel Fühlkissen, Tastmatten, Stoffe, Bälle, Bürsten, Klangmaterialien, Duftangebote oder Gegenstände aus dem Alltag.
Wichtig ist: Die Angebote müssen individuell passen. Nicht jeder Reiz ist für jeden Menschen angenehm. Basale Stimulation bedeutet deshalb immer auch: wahrnehmen, anpassen und respektvoll begleiten.
Materialien für die basale Stimulation selbst herstellen
Unsere Studierenden der Heilerziehungspflege können eigenes Material für die Sinneserfahrungen mit Händen selber herstellen. Hierfür stehen ihnen eine Reihe von Mähmaschinen zur Verfügung sowie verschiedenste Stoffreste, Knöpfe, Bänder und andere Alltagsmaterialien wie Schrauben, Kronkorken und vieles mehr zur Verfügung. Die hier gezeigten Prototypen wurden von unserer hochengagierten Näh-AG hergestellt. Wer möchte, erhält kompetente Anleitung und lernt dabei auch den Umgang mit der Nähmaschine.
Dabei geht es nicht nur darum, schöne Materialien zu gestalten. Entscheidend ist, dass sie funktional, sicher und pädagogisch sinnvoll sind. Welche Oberfläche fühlt sich angenehm an? Welche Materialien laden zum Erkunden ein? Was könnte überfordern? Wie lassen sich Reize so anordnen, dass sie übersichtlich und gut nutzbar sind?
Durch das eigene Herstellen erleben die Studierenden, wie aus einfachen Materialien individuelle Förderangebote entstehen können. Gleichzeitig entwickeln sie ein tieferes Verständnis dafür, wie wichtig Berührung, Wahrnehmung und Beziehung in der Heilerziehungspflege sind.


Fühlschürze:
eine „normale“ Schürze zum zum Umhängen versehen mit verschiedene haptische Reize „ToGo“.

Fühlmatte:
verschiedenen Stoffen, Knöpfen, Bändern, kleinen Gegenständen, weichen und rauen Flächen.


