Charta der Vielfalt: Perspektivwechsel im Workshop zu Dekolonialisierung
Was sehen wir, wenn wir auf eine Weltkarte blicken? Welche Geschichten verbinden wir mit Christoph Kolumbus? Und wer bestimmt eigentlich, welches Wissen als wichtig, richtig oder erstrebenswert gilt?
Mit solchen Fragen beschäftigten sich am 23. September 2026 21 Lehrkräfte aus allen Campus-Schulstandorten bei einem gemeinsamen Mitarbeiter*innen-Workshop am Campus Berlin Südkreuz. Unter dem Titel „Dekoloniale Perspektiven auf globale Themen“ ging es darum, vertraute Sichtweisen zu hinterfragen und Impulse für einen diskriminierungssensiblen Unterricht mitzunehmen.
Der Workshop wurde von AfricAvenir International e.V. angeboten und von Marieke Schippert und Felipe Frozza geleitet. Bereits in der Einladung stand die Frage im Mittelpunkt, wie globale Themen so behandelt werden können, dass historische Zusammenhänge, Machtverhältnisse und heutige Ungleichheiten sichtbar werden.



Der erste Perspektivwechsel: Wer ist die wichtigste Person im Raum?
Begonnen wurde ungewöhnlich – mit einer Kiste. Bei der sogenannten Spiegelkiste, auch als „Mirror in a Box“ bekannt, schauen die Teilnehmenden nacheinander in eine zunächst verschlossene Box. Darin befindet sich ein Spiegel. Wer hineinschaut, begegnet also sich selbst.
Darauf folgte die Vorstellungsrunde. Damit war zugleich eine Grundlage für den weiteren Vormittag gelegt: Bevor es um gesellschaftliche Strukturen, historische Zusammenhänge und Unterricht geht, lohnt sich der Blick auf die eigene Person: Welche Erfahrungen bringe ich mit? Welche Vorstellungen habe ich gelernt? Und von welcher Position aus betrachte ich ein Thema?

Von Begriffen zu eigenen Assoziationen
Im nächsten Schritt legten die Kursleiter*innen Moderationskarten mit unterschiedlichen Begriffen in die Mitte des Raumes. Die Teilnehmenden ergänzten spontan eigene Gedanken und Assoziationen.
Aus einzelnen Begriffen entwickelte sich schnell ein intensiver Austausch.
Ein Schwerpunkt lag auf der Unterscheidung zwischen Kolonialismus, Kolonialität und Neokolonialismus. Gerade der Begriff Kolonialität führte dabei zu einer wichtigen Frage: Endet koloniales Denken automatisch, wenn eine formale Kolonialherrschaft beendet ist?
Die Diskussion führte weg von einer rein historischen Betrachtung. Stattdessen ging es darum, wie Vorstellungen von Wissen, Entwicklung, Fortschritt, gesellschaftlicher Ordnung oder wirtschaftlichem Erfolg entstehen.
Eine der Fragen des Vormittags brachte diesen Gedanken besonders gut auf den Punkt: Wer legt eigentlich fest, was erstrebenswert ist?


Eine Weltkarte steht plötzlich Kopf
Wie stark Gewohnheiten unsere Wahrnehmung beeinflussen können, wurde anschließend ganz praktisch sichtbar. Im Raum wurde eine südorientierte Weltkarte aufgehängt – also eine Karte, bei der der Süden oben dargestellt ist. Auf der verwendeten Karte befand sich Europa zudem nicht mehr an der vertrauten Position im Zentrum.
Die Welt selbst hatte sich natürlich nicht verändert. Verändert hatte sich lediglich ihre Darstellung.
Gerade darin lag die Wirkung der Übung: Viele Darstellungen erscheinen uns selbstverständlich, weil wir sie seit unserer Kindheit kennen. Karten sind jedoch keine neutralen Abbilder eines Globus. Schon die Entscheidung über Projektion, Mittelpunkt und Orientierung beeinflusst, wie die Welt auf einer Fläche dargestellt wird.
Der Perspektivwechsel machte deshalb eine weitere Frage greifbar:
Warum erscheint uns eine bestimmte Darstellung eigentlich „normal“?
Wie groß ist Grönland wirklich?
An die südorientierte Weltkarte schloss sich eine zweite Kartenübung an. Dabei ging es nicht mehr um oben und unten, sondern um Größenverhältnisse. Verglichen wurde die bekannte Mercator-Projektion mit der interaktiven Karte The True Size.
Christoph Kolumbus: Was verändert sich mit der Perspektive?
Nach den Karten ging es von geografischen Darstellungen zu historischen Erzählungen. Die Lehrkräfte sammelten zunächst Assoziationen, die häufig mit Christoph Kolumbus verbunden werden. Begriffe wie „Entdecker“ oder „Abenteurer“ standen dabei für eine lange verbreitete europäische Erzählweise.
Anschließend wurde die Perspektive gewechselt: Welche Begriffe entstehen, wenn nicht die europäischen Seefahrer, sondern die Folgen der europäischen Expansion für die bereits auf dem amerikanischen Kontinent lebenden Menschen Ausgangspunkt der Betrachtung sind? In der Gruppe entstanden dabei deutlich andere Begriffe.
Entscheidend war dabei nicht, eine vermeintlich einheitliche „indigene Perspektive“ festzulegen. Die Übung machte vielmehr sichtbar, dass dieselbe historische Entwicklung sehr unterschiedlich erzählt und bewertet werden kann – je nachdem, wessen Erfahrungen im Mittelpunkt stehen. Für Lehrkräfte ergibt sich daraus eine unmittelbar pädagogische Frage: Welche Stimmen finden in Unterrichtsmaterialien Raum – und welche fehlen möglicherweise?
Perspektivwechsel heißt nicht: eine Perspektive durch eine andere ersetzen
Genau darin lag eine wichtige Stärke des Workshops. Dekoloniale Bildungsarbeit bedeutet nicht einfach, eine bekannte Erzählung durch eine neue zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die Entstehung von Wissen zu hinterfragen, unterschiedliche Stimmen einzubeziehen und eigene Selbstverständlichkeiten zu reflektieren.
Für Unterricht kann das beispielsweise bedeuten:
- zu fragen, aus welcher Perspektive ein Text, eine Karte oder ein Bild entstanden ist,
- verschiedene Quellen und Stimmen miteinander zu vergleichen,
- Begriffe historisch einzuordnen,
- Leerstellen in Darstellungen wahrzunehmen und
- den eigenen Blick als Lehrkraft mit zu reflektieren.
Damit knüpft der Workshop unmittelbar an die Zielsetzung der Veranstaltung an: globale Themen kritisch, machtsensibel und praxisnah zu behandeln und dabei auch diskriminierungssensible Sprache sowie Dynamiken in Lerngruppen zu berücksichtigen.
METHODENTIPP: Materialien für den Unterricht
AfricAvenir stellte den Lehrkräften im Anschluss zahlreiche Materialien und Methoden zur weiteren Arbeit zur Verfügung. Das Methodenblatt enthält Angebote für unterschiedliche Klassenstufen und Zugänge.
Damit müssen Lehrkräfte das Thema nicht bei null beginnen, sondern können auf bereits ausgearbeitete Materialien zurückgreifen und passende Methoden für ihre jeweiligen Lerngruppen auswählen.
Über AfricAvenir International e.V.
Die gemeinnützige, international agierende afrikanische Nichtregierungsorganisation (NGO) wurde vor über 30 Jahren gegründet und engagiert in Afrika und in Europa für den Blick auf die (Kolonial-)Geschichte und Gegenwart aus afrikanischer Perspektive. Gegründet wurde der Verein in den 80er Jahren von dem panafrikanischen Akademiker, Prinz Kum’a Ndumbe III., legitimer Thronfolger von Lock Priso (Kum’a Mbape), einem der wichtigsten traditionellen Könige der Küstenvölker Kameruns (Sawa). Sein Engagement galt der kritischen Aufarbeitung und Rehabilitierung der afrikanischen Kulturen und der Geschichte des Kontinents.
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